03/23/2020

Interview: Offene Kommunikation für Variantenprozesse über Systemgrenzen hinweg

Einbeziehung von IoT, Mobile ERP und eine möglichst effiziente Produktion – und das sogar bei der vielzitierten „Losgröße 1“: Die Anforderungen an das ERP-System der nächsten Generation sind enorm, wie Jens Pfeil-Schneider, Geschäftsführer von VLEXsoftware+consulting GmbH, im Gespräch mit dem Midrange Magazin verdeutlicht.

MM: Welche Kriterien muss ein ERP-System erfüllen, wenn es anspruchsvolle Variantenprozesse abzubilden hat?

Jens Pfeil-Schneider: Anspruchsvolle Variantenprozesse haben die Eigenheit, dass der Kundenwunsch auf der einen Seite und die technischen Möglichkeiten in der Herstellung auf der anderen Seite verknüpft werden müssen. In der Vergangenheit wurde versucht, dies auf Kundenseite mit reinen „Konfiguratoren“ abzudecken, die durchaus ansprechend in der Abbildung der Möglichkeiten waren, deren Ergebnisse aber weder im Prozess noch in der Analyse genutzt werden konnten. Das Ziel der regelbasierten Erzeugung von Stamm- und Bewegungsdaten für die Produktion wird meist nicht erreicht, häufig mit dem Hinweis auf die komplexen Kundenwünsche. Ein ERP-System muss beides leisten können, die Definition des Kundenwunsches und die regelbasierte Erzeugung notwendiger Daten für die Produktion und andere Prozesse. Und da inzwischen nicht nur „Standard-Produkte“ über Portale, Shops und Schnittstellen gefragt sind, muss das ERP-System eine offene Kommunikation für Variantenprozesse über Systemgrenzen hinaus bereitstellen.

MM: Welche Vorteile ergeben sich daraus für das Anwenderunternehmen – den Variantenfertiger?

Jens Pfeil-Schneider: Zunächst werden die eigenen Produktkenntnisse über das ERP-System zentral vorgehalten. Das ERP-System kennt das maximale Spektrum, in dem sich die eigenen Produkte konfigurieren lassen. Machbarkeit, Kalkulation und Beschreibung sind nicht personenbezogen, sondern ein einheitlicher, systemweiter Standard. Mit dieser Basis ermögliche ich es, komplexere Produkte in einem höheren Umfang durch die Organisation zu bringen. Das führt zu mehr Durchsatz, mehr Flexibilität und mehr Sicherheit durch eine Bündelung der Produkteigenschaften im System.

MM: Welche Schnittstellen benötigt ein derartiges ERP-System?

Jens Pfeil-Schneider: Eine Kommunikation auf Basis von Webservices sollte heute Standard sein. Aus allen Anwendungen heraus, ob Stamm- oder Bewegungsdaten, sollten die Erzeugung von XML-Dateien möglich sein. Hier erhält man qualifizierte Daten in einem normierten Format. Wichtig für Variantenprozesse ist jedoch auch die Möglichkeit, die komplexen Regeln z.B. zur Machbarkeit eines Produktes – also die Abhängigkeiten zwischen Eigenschaften etc. – auch von außen über eine Schnittstelle aufzurufen. Denn somit wird auch im Shop erkennbar, welche Längen, Oberflächen o.ä. bei einem Produkt möglich sind, ohne dass eine zusätzliche Stammdaten-Pflege oder Aufbau im Shop anfallen. Auch eine Preis- oder Lieferterminermittlung müssen von außen aufrufbar sein.

MM: Wie sollte die Softwarearchitektur eines derartigen ERP-Systems konzipiert sein, um auch künftige Datenquellen – Stichwort IoT-Integration – mit einbeziehen zu können?

Jens Pfeil-Schneider: Hier bewegen wir uns klar im Bereich Java-Entwicklung; verknüpft mit einer Browser-Oberfläche, welche die Endgeräte nicht einschränkt. Sicherheit bezgl. zukünftiger Entwicklungen bietet hier noch die Datenbank-Unabhängigkeit.

MM: Wie wichtig ist die weitgehende Automatisierung und Verschlankung von Arbeitsprozessen und wie lässt sich das im ERP-System entsprechend umsetzen?

Jens Pfeil-Schneider: Wachstum wird heute nicht über die Schaffung neuer Arbeitsplätze definiert, sondern über die Verschlankung der internen Prozesse, Reduzierung auf die Kernkompetenzen und Automatisierung möglichst aller Aufgaben. Regelbasierte Automatisierung muss ein Teil des ERP-Systems sein; Routineaufgaben gilt es zu identifizieren und zu automatisieren. Dies erfordert eine detaillierte Kenntnis der eigenen Prozesse, somit ist hier sehr stark die Fachabteilung gefragt, weniger die IT.

MM: Wie gehen Sie die Forderung nach einem „Mobile ERP“ an und für welche Teilprozesse ist eine Einbindung heutzutage dringend nötig?

Jens Pfeil-Schneider: Ähnlich wie es im Handel schon teils praktiziert wird, wird es keine Unterscheidung mehr zwischen „Mobil“ und „Stationär“ geben. Das ERP-System ist zentrale Plattform für alle Prozesse, somit muss es jederzeit im Zugriff sein: auf Portalen zur interaktiven Konfiguration der nächsten Möbel, auf dem Mobilgerät zur Darstellung der Couch via Augmented Reality im eigenen Wohnzimmer oder auch im Kundendienst zum Zugriff auf die Eigenschaften des Produktes und notwendiger Ersatzteile.

MM: Wie können mobile Business Apps den Anwenderunternehmen zusätzlichen Nutzen bringen?

Jens Pfeil-Schneider: Natürlich denkt man hier zunächst an den schnelleren Zugriff auf Daten zu Kunden, Aufträgen und Co. Allerdings lassen sich hiermit auch neue Geschäftsmodelle aufbauen: Eine App für die Kunden, um Zugriff auf die Details zur erworbenen Maschine zu erhalten oder Ersatzteile zu bestellen. Auch die schnelle Erfassung von Informationen oder Bildern zu Projekten und Aufträgen im ERP ist über intuitive Apps sehr schnell möglich.